Watzmann und die Kuh auf dem Eis

Seit 22 Uhr herrscht Hüttenruhe. Total kaputt und hundemüde lieg ich wach im Stockbett. Meine Frau Birgit schläft… die Glückliche. Ich horch in die Dunkelheit. Windböen rütteln am Schutzhaus. Das gekippte Fenster schlägt zu und fliegt wieder auf. Es wird kurz hell… dann kracht und grollt es. Der Wetterumschwung ist da. Sechs Stunden sind wir bei strahlendem Sonnenschein von Ramsau aus 1.300 Höhenmeter auf den Watzmann aufgestiegen. Was für eine Tortour. Ich hatte mich total verausgabt. Ohne Übernachtung im Watzmannhaus… wie viele das auch schaffen… wäre diese Tour für mich eh nicht denkbar.  Die Gelegenheit bot sich… als schon lang vergebene Schlafplätze an Birgits Geburtstag wieder frei wurden. Also sind wir nach Bergdesgaden gefahren… um endlich auf den  Watzmann zu steigen.

Stunden an Video-Dokus hab ich mir vorher angesehen und mit Freunden gesprochen… die schon oben waren. „Machbar!“… „steil, aber nicht anspruchsvoll“… „also kein Klettern“. Klettern kann ich nicht mehr. Seit meinem Unfall 2002 leb ich mit einer Halbseitenlähmung… zieh das rechte Bein nach und kann wegen der lahmen Hand eben nur sehr eingeschränkt klettern. Bei uns im Bayerischen Wald kenn ich meine Grenzen… der Arber… der großer Osser ist kein Problem… der kleinen Osser aber… ist für mich Tabu. Im Klettergelände wird’s eben gefährlich.

Der Weg zum Watzmannhaus als mögliches Ziel beschäftigt mich schon seit einigen Jahren. Vom Kaitersberggipfel aus kann man bei gutem Wetter bis zum Watzmann blicken. Da hat sich diese Sehnsucht bei mir eingeschlichen.

Zuletzt waren wir auf dem Schachen im Wettersteingebirge. Auch über 1.000 Höhenmeter. Adrenalinsüchtig bin ich hoffentlich nicht… die berauschenden Perspektiven locken und treiben mich. Deswegen schlepp ich immer meine Fotoausrüstung mit. Tatsächlich gab es auf dem Weg zum Watzmannhaus keine unüberwindbaren Passagen. Was ich aber absolut unterschätzt habe… ist der brutale Anstieg… die vielen Höhenmeter.

Und dann… wenn die Waden krampfen… wenn sich das lahme Bein kaum noch heben lässt… wird das Gelände schwieriger und steiler. Ausgesetzte Stellen… manche mit Stahlseilen gesichert machen mir keine Angst. Sowas gibt es auch im Bayrischen Wald. Aber ich war noch nie körperlich so am Ende… wenn Konzentration und Trittsicherheit absolut wichtig werden.

Das Wetter beim Aufstieg war traumhaft. Was für unfassbares Glück. Am Vortag hatten wir eine kleinere Bergtour auf den Grünstein durchnässt abgebrochen… weil der Regen nicht enden wollte. Mental und physisch müde hab ich den sommerlichen Abend am Watzmann nicht so recht genießen können. Wer hoch kommt muss auch wieder runter. Zurück wollten wir gleich am nächsten Morgen nach dem Frühstück… gehofft hatte ich auf eine erholsame Nacht im Bettenlager.

Stattdessen haben mir der aufkommende Sturm und das Gewitter eine scheiß Angst eingejagt. Blitz und Donner wecken sonst meine Foto-Neugierde und ich hatte auch nie Sorge in den Tod zu stürzen… aber nasser Fels… vom Regen rutschige Wege und böiger Wind erhöhen für mich das Verletzungsrisiko. 

Schon bei gutem Wetter spür ich manchmal die Blicke der Leute die uns begegnen und die sich zurecht fragen: „Was macht ein „Halbseitenspastiker“ hier in den Bergen…? 1.000 Szenarien hatte ich vor Augen… ich sah Bergretter die mich versorgen… ich sah mich auf meinem Hintern nach unter rutschen… ich sah mich Engpässe blockieren und wütende Wanderer die mich verständnislos beschimpfen. „Was macht du hier…?“ Ich bin hier so falsch wie eine Kuh auf dem Eis.

Am Morgen war das Gewitter vorbei und ich bin gleich raus… um zu sehen ob schwere Wolken am Watzmann hängen.

Mich hat wohl noch nie die aufgehende Sonne und ein fast wolkenloser Himmel so sehr gefreut… wie nach dieser Nacht im Schutzhaus. Um das Glück nicht länger herauszufordern… waren wir die Ersten… die nach dem Frühstück zurück ins Tal aufbrachen. Die schweren Passagen waren dann doch leichter… als in meiner nächtlichen Panik befürchtet. Das fantastische Morgenlicht am Watzmann hat mich auch mit meiner schweren Fotoausrüstung wieder versöhnt… die ich so mühevoll hier raufgeschleppt hatte.

Als wir nach 5 Stunden zurück in Ramsau waren und ins Auto stiegen… fing es an zu regnen. Die Tage vor und die Tage nach unserem Abenteuer war schlechtes Wetter im Berchdesgardner Land. Vielleicht hatten wir uns das Wohlwollen der Götter… mit den zwei Kerzen in der berühmten Ramsauer Dorfkirche erkauft. Das war rückblickend eine sehr gute Investition.  

Pures Glück und bedrängende Sorge… so dicht beieinander… schärfen die Demut… die wir in den Bergen finden können. Diese ausgesetzten Plätze… zu denen wir immer wieder aufbrechen… schenken mir eindrucksvolle Perspektiven und sind freilich auch eine aufregende Reise zu mir selbst.

Seit dem Geburtstag meiner Frau fühl ich mich wie neu geboren.