Dachschaden

Der Schlaganfall belegt Platz 3 der häufigsten Todesursachen. Wer also diesen Zusammenbruch der "Festplatte" wie ich am eigenen Leib erfahren durfte, kann sich glücklich schätzen, denn jährlich etwa 70 000 Men-schen in Deutschland überleben das Ereignis nicht. Wie sicher viele in meinem Alter hatte ich vor meinem Unfall nur eine sehr wage Vorstellung was so ein Hirninfarkt für Folgen haben kann.

Was ist passiert?

Das Foto rechts zeigt eine CT-Aufnahme meines Schädels wenige Tage nach dem Ereignis. Der helle Bereich markiert das Zentrum des Infarkts in der linken Gehirnhälfte. Durch ein Blutgerinnsel oder eine kleine Luftblase, die Ursache lässt sich nicht mehr feststellen, wurde eine Ader im Gehirn verstopft. Der dahinter liegende Bereich konnte nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden, die betroffenen Gehirnzellen gingen zu Grunde.

Bestandsaufnahme

Erste Diagnose drei Stunden nach dem Ereignis: Lähmung der rechten Körperhälfte und vollständiger Sprachverlust. Taubheitsgefühl in der rech-ten Gesichtshälfte, an der rechten Rumpfseite, am rechten Arm und am rechten Bein. Ich hatte Probleme beim Atmen, was auf die Lähmungen im Rumpf zurückzuführen war. Wie sich dann später erst herausstellte, war mit der Sprache auch das Lesen und Schreiben erheblich gestört.

Vor allem aber hatte ich Angst

Ich war nie ein Mensch der sich durch Leben treiben ließ, ich hatte immer ein Ziel vor Augen. Nichts wurde dem Zufall überlassen, alles war bis ins kleinste Detail geplant und von mir kontrolliert. Ich steckte mir ein Ziel und erreichte es in der Regel auch. Was ich am 21. Juli 2002 erleben musste war der absolute Verlust von Kontrolle. Von einer Sekunde auf die nächste war ich nicht mehr Herr der Situation. Schon mehrmals im Leben konnte ich heikle Situationen aktiv zum Guten wenden, aber damit war es in diesem Fall vorbei. Ich konnte nichts tun, nur abwarten was geschieht. Diese Passivität machte mir Angst. Keinen Einfluss nehmen zu können, war eine zutiefst einschneidende Erfahrung. In der ersten Nacht hatte ich Angst vor dem Einschlafen, weil ich nicht wusste ob ich je wieder aufwachen würde.

Tote Zellen werden nicht wieder lebendig

Die abgestorbenen Gehirnzellen werden nicht wieder lebendig, und einige Zellen am Rande des betroffenen Gebietes schweben durch die Unter-versorgung mit sauerstoffreichem Blut im Koma. Mit dem Verlust dieser Zellen gehen natürlich auch die darin abgelegten Informationen verloren. Wäre unser Gehirn die Festplatte eines Computers, ist sozusagen ein Teil des Betriebssystems beschädigt worden. Der Rechner muss formatiert werden.

Bei mir war vor allem die Motorik der rechten Seite und das Sprachzent-rum betroffen. Zum Glück sind wir keine Maschinen und besitzen die Fähigkeit zur Selbstheilung. Wir nutzen nur etwa 10% der zur Verfügung stehenden Gehirnzellen. Geht ein Teil nach einem Schlaganfall verloren können die umliegenden Zellen aktiviert werden.

Motivation

Wenn man auf der Intensivstation liegt und von Ärzten, Krankenschwes-tern und Pflegern rund um die Uhr betreut wird, wünscht man sich nichts sehnlicher als die Normalität. Normal auf Toilette gehen, essen, normal duschen ( im Stehen, nicht im Liegen! ), normal sitzen, gehen, laufen, schlafen, normal sprechen und nicht mit Gesten und Zeichen sich ver-ständlich machen zu müssen. Der Wunsch nach Normalität, wieder ein gewisses Maß an Kontrolle über das eigene Leben zu erlangen, hatte Priorität.

Als besonders schmerzlich empfand ich, das mein Sohn mit 2 Jahren gerade begann immer mehr zu sprechen, ich jedoch zur Sprachlosigkeit verdammt war. Ich war mit 31 Jahren zum Pflegefall geworden, und fühlte mich selbst als Belastung für meine Familie und mein Umfeld. Grund genug alles zu versuchen, um diese bedrückende Situation schnellst-möglich zu ändern.