5527 Kalorien in 3 Stunden

Durchs Ziel zu laufen, nach 21km ist ein absolut großartiges Erlebnis. Ich bin an einem Stück noch nie so weit gelaufen. Natürlich ist es schön zu sehen, dass die vielen Zuschauer die auf der Strecke und im Zielraum verblieben sind, auch meine Leistung, die des „Letzten“ bejubeln. Wie viel mir diese Leistung bedeutet können nur die Wenigsten einordnen.

Es mag sein, dass sich einige noch an den Taucher aus dem Bay. Wald erinnern, der lange die Luft anhalten und tief tauchen konnte. Wenige werden vielleicht noch wissen, dass die atemlose Rekordjagd mit einem schweren Schlaganfall vor etwas mehr als zwei Jahren endete. Dass ich sprachlos und halbseitig gelähmt lange Zeit im Rollstuhl saß, weiß nur mein Umfeld.

Als ich in Nürnberg durchs Ziel gelaufen bin rückte das alles wieder in greifbare Nähe. Das lag wohl auch an den Fragen eines TV-Teams die mich und meine Frau kurz nach dem Halbmarathon interviewten. „Wie wahr das nach dem Unfall?“, oder „Hätten Sie damals im Rollstuhl geglaubt schon zwei Jahre später einen Halbmarathon durchlaufen zu können?“

RTL Stern TV, die schon mehrmals vor dem schweren Unfall über meine Tauchrekorde berichteten, hatten mich zuletzt in der Humaine Klinik in Kötzting besucht, um zu dokumentieren, wie ich mit Therapeuten an den noch verbliebenen Einschränkungen arbeite.

Natürlich sollte der seit langem geplante Start in Nürnberg Teil des Films werden.

Meine Frau Birgit, unser Sohn Noah, meine Mutter und ich reisten am vergangenen Sonntagmorgen mit dem Zug nach Nürnberg. Als wir um 11:30 Uhr den Hauptbahnhof verließen wurde gerade der 10km Lauf gestartet. 4200 Laufer machten sich auf den Weg und passierten dabei den Bahnhof. Gänsehautgefühl überkam mich beim Anblick der laufenden Masse. Zwei Stunden später würde auch ich in der Menge loslaufen.

Der von Sport Scheck und TSV Katzwang organisierte Stadtlauf ist die größte Laufveranstaltung Ostbayerns. Auf der zweispurigen Strasse im Frauentor Graben, Höhe Opernhaus war der Start und Zielbereich. Eine 10,5 km lange Schleife aus dem Stadtgebiet hinaus, um den Wöhrdener See war mit Trassierbändern, zwei Verpflegungsstellen und zahllosen Helfern vorbereitet worden. Die Teilnehmer des Halbmarathons mussten die Strecke zweimal absolvieren.

Wir trafen wie vereinbart auf das Film-Team und besprachen den weiteren Ablauf. Man hatte eigens einen Motorradfahrer organisiert, damit die Kamera mich auch kurze Passagen begleiten konnte. Ich war ohnehin hypernervös und die Tatsache, dass ich ständig vom Fernsehen begleitet wurde machte das nicht einfacher.

Nach dem Startschuss um 13:30 Uhr war die Nervosität plötzlich wie weggeblasen. Zusammen mit 4000 Gleichgesinnten machten Birgit und ich uns auf den Weg. Erwartungsgemäß lagen wir schon nach wenigen km am hinteren Ende, aber das machte es leichter für mich, denn in der Masse ist man versucht schneller zu laufen, als man durchhalten kann.

Die ersten zehn Kilometer lief es planmäßig, ich fand meinen Rhythmus und hatte noch Reserven. Kurz bevor Birgit und ich Start und Ziel ein erstes Mal passierten, hatten uns ca. 30 Athleten überrundet. Ich war aber hoch zufrieden, denn die ersten 10,5 km konnten wir in 1:26 zurücklegen und mein Ziel war es die gesamte Distanz unter 3 Stunden zu laufen.

Ab km 17 spürte ich gelegentlich Krämpfe im linken Oberschenkel, vor allem wenn es bergauf ging. Und da lag noch ein gewaltiger Anstieg vor mir, denn bei Kilometer 19, bereits wieder im Stadtkern, war uns aus der ersten Runde eine lange, steile Gasse bekannt, die für mich zur letzten Nagelprobe werden konnte. Das tat bereits beim ersten Mal weh, da aber war ich noch verhältnismäßig frisch und konnte das wieder wegstecken, jetzt aber war ich entkräftet und weit mehr gelaufen als bei den längsten Trainingsläufen.

Ich glaube es war kein Zufall, dass gerade an diesen letzten Anstieg viele Zuschauer standen und uns anfeuerten nicht aufzugeben. Und genau das macht die besondere Atmosphäre eines großen Stadtlaufes aus, es gib Momente bei denen dir von Sambatrommeln oder Ratschengeklapper förmlich Flügel wachsen. Als der Anstieg hinter uns lag, gab es keinen Zweifel mehr ich würde diesen Halbmarathon durchlaufen.

Wir verließen die Altstadt und kamen wieder auf den großen zweispurigen Stadtring. Das Ziel, ein großer, aufblasbarer, schwarzer Torbogen kam immer näher. Gut zu erkennen war bereits das Kamerateam von Stern TV die uns im Zielraum erwarteten, um erste Stellungnahmen einzufangen. Und dann war es geschafft, von Applaus getragen passieren Birgit und ich die Ziellinie.

Ich hörte endlich auf zu laufen und bekomme im selben Moment eine Urkunde in die Hand gedrückt. Als offizielle Zeit sind auf meiner Urkunde 3:01 vermerkt. Da ich aber zu Beginn wegen der großen Anzahl von Läufern erst 4min nach dem Startschuss über die Startlinie gelaufen bin beträgt meine Nettozeit 2 Stunden 57 Minuten. Es war ein schöner Tag in Nürnberg.

Muskelkater und Günter Jauch

Zu später Stunde. Am 6.10.04 um 23:00 Uhr saß ich bereits zum vierte Mal neben Günter Jauch im Stern TV Studio.

Am Montag, Tag 1 nach dem Lauf in Nürnberg blieb der Muskelkater aus. Vorbeugend haben meine Therapeuten in der Humaine Klinik Kötzting die betreffenden Muskelgruppen gedehnt. Ich war zwar müde, hatte aber den Kraftakt ohne nennenswerte Überlastungsschmerzen überstanden. Keine Knie- und Hüftprobleme, keine Blasen oder Druckstellen an den Füssen und auch der gelegentliche Schulterschmerz hatte sich nicht gesteigert.

Am Dienstag, Tag 2 nach dem Lauf, spürte ich Muskelkater vor allem in den Beinen und am Gesäß. Positiv an diesen Schmerzen war es, dass davon beide Beine betroffen waren. Es ist schön zu spüren, dass die gelähmten Muskeln arbeiten und eben auch schmerzen können.

Zu Beginn meiner Laufambitionen kannte ich Muskelkater nur im linken, dem gesunden Bein, weil es den Hauptteil der Belastung tragen musste. So gesehen kann man sich auch über Schmerzen freuen. Auch am Dienstag wurde ich nur passiv massiert, das war sehr angenehm und genau das richtige für den „geschundenen“ Körper.

Am Mittwoch, Tag 3 nach dem Stadtlauf war ich als Studiogast in die Live- Sendung Stern TV zu Günter Jauch auf das rote Talksofa geladen. Das beliebte TV-Magazin wird jeden Mittwochabend in Köln produziert und gehört zu den erfolgreichsten Fernsehformaten. Erst wurde der Film gezeigt der unter anderem in Nürnberg entstanden ist, im Anschluß sollte ich Günter Jauch noch einige Fragen beantworten.

Als ich unter Applaus das Studio betrat, passierte das von mir bereits Befürchtete, ich war angespannt und nervös, was sich gnadenlos auf meine motorischen Fähigkeiten auswirkte. Zu Beginn des Gespräches habe ich dann versucht Günter Jauch und den Zuschauern zu erklären wie es zu diesen Spastikattacken kommt, und dass viele Opfer von Schlaganfällen darunter leiden.

 
9. Nürnberger Stadtlauf
Warten auf den Startschuss. Meine Mutter kümmerte sich um Noah.
Nur langsam setzt sich die Masse in Bewegung. Die offizielle Zeit läuft bereits aber bis wir die Startlinie passieren vergehen einige Minuten.
Der Laufstiel hat sich seit München deutlich verbessert.
Letzter und endlich im Ziel.
 
Das Video zeigt die 21 km in 60 sek zusammengefasst, es ist aus dem Stern TV Beitrag entnommen.
Nervosität und Anspannung wirken sich brutal auf die Motorik der betroffenen Seite aus. Bin ich entspannt bemerkt man die Behinderung kaum.