Humaine, die Wundermacher

Die Prognose der Ärzte war ernüchternd. Als meine Frau den Arzt fragte welche Chancen auf Besserung bestünden, meint dieser: “Entweder es wird besser, oder es bleibt so wie es ist.”

Erst heute kann ich diese “nichts sagende” Einschätzung verstehen. Ein Schlaganfall ist kein Knochenbruch: sechs Wochen Gips und dann ist es wieder gut. Würde ein Arzt baldige Besserung prophezeihen, so weckt er damit Hoffnungen, die unter Umständen bald in Enttäuschung enden. Ich habe seit meinem Unfall in Ägypten viele Menschen kennen gelernt die auch von einem Schlaganfall betroffen sind. Die Beschwerden der Ein-zelnen sind so verschieden wie der Verlauf der Genesung. Was aber von allen Betroffenen gleichermaßen empfunden wird, ist der plötzliche Sturz aus dem Alltag in die Intensivstation. Der Weg zurück, ins gewohnte Leben bleib jedoch vielen verwehrt.

Da ich als “prominentes Opfer” viele Briefe und e-Mails von Betroffenen oder deren Angehörigen bekomme, die meinen Fall und vor allem die stete Besserung in den Medien verfolgt haben, möchte ich meine ganz persönlichen Erfahrungen weitergeben, die ich in den Monaten seit dem Ereignis machen durfte.

Schon in der Unfallklinik Murnau, in der ich die ersten drei Wochen nach meinem Unfall behandelt wurde, konnte ich bereits Besserung verspüren. Nach drei Tagen konnte ich die Intensivstation verlassen, und wurde auf die Neurologische Abteilung verlegt. Zahlreich Tests wurden gemacht, um die Ursache für meinen Zusammenbruch herauszufinden. Nahe liegend war natürlich der Vermutung das Tauchen in extreme Tiefen könnte den Schlaganfall ausgelöst haben, aber obwohl man in Murnau viel Erfahrung mit Tauchunfällen hat, konnte man keine Hinweise finden, der diese Ver-mutung bestärkte. Jetzt bemerkten wir, das auch Lesen und Schreiben erheblich gestört war.

Noch in Murnau begann ich nach zwei Wochen Sprachlosigkeit, während der Sprachtherapie, wieder einzelne Wörter zu sprechen. Meine Familie, Freunde, Bekannte und vor allem ich selbst waren sehr erleichtert. Meine Ausgangssituation war natürlich nicht mit dem Regelfall zu vergleichen. Das durchschnittliche Alter eines Schlaganfallpatienten liegt bei 60 Jah-ren, und ich war zudem vor dem Unfall am Höhepunkt meiner körperlichen Leistungsfähigkeit. Alles Faktoren die Hoffnung machten, aber keine Er-folgsgarantie waren.

Die Mediziner betonten immer wieder, das vor allem mein Engagement bei den einzelnen Therapieformen in den folgenden Wochen und Monaten die Heilung beeinflussen wird.

Humaine Kinik Maximilian in Kötzting

Nach drei Wochen wurde ich auf eigenem Wunsch von Murnau in die Neurologische Reha Klinik Humaine nach Kötzting verlegt. Die Nähe zu meinem Wohnort sollte es vor allem meiner Familie erleichtern mich zu besuchen. Die Klinik hat bis zu 150 Betten und wirkt somit fast familiär im Vergleich zur Unfallklinik Murnau. Ich wurde im Einzelzimmer unterge-bracht und wenn ich aus dem Fenster sah, konnte ich die zur Wallfahrts-kirche Weiserregen hinauf blicken, in der ich und Birgit, meine Frau 1992 getraut wurde. Ein Heimspiel also.

Die Klinik-Philosophie kam mir sehr entgegen. Therapieräumlichkeiten in denen Patienten sich selbstständig beschäftigen können, wie z.B. der Sportraum, Laufband und das Schwimmbad, stehen den Patienten nach Absprache uneingeschränkt zur Verfügung. Ich bekam kurz nach der An-reise einen Therapieplan für die kommenden Tage. Waren es in Murnau nur Krankengymnastik, Ergo- und Sprachtherapie, so standen jetzt teil-weise acht verschiedene Anwendungen auf meiner Tagesübersicht. Die wichtigsten möchte ich hier vorstellen.

   

Krankengymnastik

Sie ist eine anstrengende Einzeltherapie. Die durch den neurologischen Schaden gelähmten Körperpartien werden aktiv vom Patienten oder pas-siv durch den Therapeuten bewegt. Schwerpunkt der Krankengymnastik ist es einen Rollstuhlfahrer in den Stand zu bringen, um später dann das Gehen anzubahnen. Der Physiotherapeut hat ein geschultes Auge und erkennt welche Voraussetzungen zum physiologischen Gehen notwendig sind. Kann ein Patient wieder ohne Hilfsmittel gehen, wird das Gangbild verbessert.

   

Ergotherapie

Der Ergotherapeut konzentriert sich auf die Motorik des Arms. Da beim Schlaganfall oft die ganze Körperseite gelähmt ist, inklusive Schulter und Schulterblatt, hat es der Therapeut bedeutend schwerer. Das Zusammen-spiel der einzelnen Muskeln am Arm ist weit komplizierter als die Motorik des Beins. So dauert es in der Regel auch viel länger bis sich Besserung einstellt.

   

Sprachtherapie

Da bei manchen Patienten durch die Halbseitenlähmungen auch massive Probleme beim Schlucken auftreten können, wird noch vor der ersten festen Mahlzeit ein Logopäde hinzugezogen. Oft ist Schlucken oder Sprechen ein motorisches Problem des Gaumens oder der Zunge, das man durch Training verbessern kann. Ist das Sprachzentrum gestört, ein Schlaganfallpatient hat Wortfindungsstörungen, oder kann die Wortbe-deutungen nicht mehr zuordnen ( Aphasie ), wird der Logopäde versuchen den Zugang zu Wörtern und sprachlichen Regeln wieder herzustellen.

   

Sporttherapie

Je nach Verfassung ( Einschränkungsgrad ) des Patienten stehen der Sporttherapie eine Vielzahl von Geräten und Übungen zur Verfügung um Muskulatur zu kräftigen oder Bewegungen anzubahnen. Verbessert sich der Patient dann im Laufe der Therapie, werden die Übungen seinen neu erworbenen Fähigkeiten angepasst. Das Laufband, der Gangtrainer, die Gleichgewichtsschulung und das Bewegungsbad sind weitere Mittel der Sporttherapie

   

Neuropsychologie

Schlaganfallpatienten leiden häufig an Konzentrationsschwäche, visueller und akustischer Wahrnehmungsstörungen und verminderter Reaktionsge-schwindigkeit. Das neuropsychiologische Training gibt den Patienten die Möglichkeit diese Einschränkungen fast spielerisch durch das Üben am PC aktiv zu verbessern. Die geistige Stimulation wirkt sich sehr positiv auf die Neubildung neuronaler Netze im Gehirn aus, und trägt so dem gesamten Regenerationsprozess bei.

   

Massagen und Bäder

Ein Armtauchbad oder das Vierzellenbad mit Gleichstrombehandlung sol-len die Durchblutung anregen und die Oberflächensensibilität der tauben oder gelähmten Gliedmassen verbessern. Nach einem anstrengendem Tagespensum wird von den Masseuren der entstandene Muskeltonus mit gezielten Massagen der betroffenen Extremitäten wieder gesenkt. Auch Schmerzen der Patienten, die häufig durch Muskelverspannungen aus-gelöst werden, kann man mit gezielten Teilmassagen entgegenwirken.

   

Kompetente Ärzte und das zuvorkommende Pflegepersonal auf den einzelnen Stationen tragen natürlich auch dazu bei, dass sich die Patienten der Klinik wohlfühlen. Alle Therapeuten sind hoch motiviert, so dass ich immer das Gefühl hatte es wird alles versucht um meine Ein-schränkungen zu beheben. Aber mir war natürlich klar, dass auch ich einen erheblichen Beitrag würde leisten müssen.
     
   
Humaine Klinik Maximilian Telefon: 09941/983000
Weißenregener Straße 5 info.klinik.maximilian@humaine.de
D-93444 Kötzting www.humaine.de


   

Eigeninitiative

Ich habe in dieser Zeit natürlich auch viele Patienten kennen gelernt, die jegliche Eigenverantwortung an Pfleger, Therapeuten und Ärzte abgegeb-en haben. Ohne ein gewisses Maß an Eigeninitiative fällt es halt schwer Fortschritte zu erzielen. Das war nie mein Problem, ich machte oft zuviel und musste zum Teil von den Therapeuten gebremst werden. Gerade die ersten Monate riskierte ich zum Teil schwere Stürze, um nicht auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Es war ein Triumph für mich alleine auf die Toi-lette gehen zu können, oder ohne den Pfleger zu duschen. Das tägliche Programm war nicht genug für mich. Nach dem Abendessen war ich fast immer im Sportraum anzutreffen, später dann auch im Bewegungsbad. Meine Familie musste Schwimmzeug mitbringen, wenn sie mich besuch-en kam, da ich die ersten Male nicht ohne Aufsicht ins Wasser durfte.