Mein Osterei

Am Gründonnerstag, vor dem Osterfest, wurde mir operativ ein eigrosser Gehirntumor entfernt. Das gutartige „Clivuschordom“ hatte sich in der Schädelbasis unterhalb der Hirnanhangdrüse und der Sehbahnkreuzung gebildet und konnte „transnasal“ (durch die Nase) entfernt werden.

Als man vor zweieinhalb Jahren, unmittelbar nach dem Unfall im Roten Meer, MRT-Bilder (Magnet-Resonanz-Tomographie) von meinem Schädel anfertigte, um den entstandenen Schaden sichtbar zu machen, wurde auch der Tumor in meinem Kopf entdeckt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er einen Durchmesser von 1,5 cm und verursachte keinerlei Beschwerden. Da mein Zustand in den ersten Tagen sehr kritisch war, wurde mir der Nebenbefund verheimlicht. Erst 3 Monate später, als sich die massiven Auswirkungen des Schlaganfalls abgeschwächt hatten, wurde ich dann informiert.

Wann muss ich sterben? War meine erste Frage, meine Frau, die bereits eingeweiht war und der Arzt beruhigten mich. Die Art Tumor in meinem Kopf wächst sehr langsam und ist zu 99% gutartig, wenn er nicht an Größe zunimmt und dadurch benachbarte Areale in Bedrängnis bringt, muss man vorerst nichts unternehmen, sagte sie mir. Günstig wäre auch, dass man ihn gegebenenfalls durch die Nase entfernen kann und diese Methode im Gegensatz zu einer Schädelöffnung nur minimales Risiko birgt. Es bleibt aber unerlässlich den Tumor mit MRT- Aufnahmen zu überwachen.

Weil ich, wie sicher viele Familienmitglieder und Freunde die Diagnose Gehirntumor mit einem baldigen Ableben gleichsetzte, behielten wir das „kleine Geheimnis“ für uns.

Bis zur letzten MRT-Kontrolle im Dezember 2004 hat sich die Größe des Tumors verdoppelt. Obwohl er mittlerweile die Ausmaße eines Hühnereis annahm, machte er, wie in den vergangenen Jahren, keine Probleme. Der Radiologe empfahl mir nun doch an eine Oparation zu denken, also holte ich verschiedene Meinungen ein.

Da der Tumor sich in der Nähe der Sehbahnkreuzung befand, führte man ausführliche Sehtests durch, denn bei einem langsamwachsenden Tumor können Sehstörungen auch schleichend entstehen, so dass man sie als Patient nicht wahrnimmt. Auch die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) wurde durch den Tumor nach oben geschoben. Die Hirnanhagdrüse steuert den gesamten Hormonhaushalt in Körper, ein nur fingernagelgroßes Organ mit einer bedeutenden Funktion. Aber alle Tests verliefen negativ, meine Sehkraft lag überraschend bei 100% und auch was den Hormonspiegel betrifft war alles in bester Ordnung.
Trotzdem wurde mir von allen Seiten geraten den Tumor nun entfernen zu lassen, denn sollte er sich weiter ausdehnen würden sich die operativen Möglichkeiten verschlechtern.

Es war an der Zeit einen Neurochirurgen aufzusuchen der den Eingriff durchführen kann.
Als Nichtmediziner ist es unmöglich die Kompetenz eines Neurochirurgen zu beurteilen, also läst man sich vom ersten Eindruck und Sympathien leiten. Hilfreich waren auch die vielen freundschaftlichen Kontakte, die ich seit dem Schlaganfall in der Neurologie-Szene knüpfen konnte und die mir beratend zur Seite standen.

Zwei Chirurgen wurden mir empfohlen, letztlich habe ich mich für Dr. Adolf Müller in Regensburg entschieden, der als Chefarzt die Abteilung Neuro- chirurgie im Krankenhaus „Barmherzige Brüder“ leitet.

Schon nach dem ersten persönlichen Treffen in Regensburg wurde ein OP-Termin vereinbart. Das war ein befreiendes Gefühl endlich zu wissen, dass mit diesem Termin der Tumor aus meinem Kopf entfernt wird.

Ich wurde einen Tag vor der OP stationär aufgenommen und musste noch einige vorbereitende Untersuchungen über mich ergehen lassen............. Abschließend wurden die möglichen Risiken des Eingriffes besprochen und habe diese gründliche Aufklärung mit meiner Unterschrift bestätigt.

Am Gründonnerstag schob man mich ca. 13 Uhr in den Operationssaal, der Narkosearzt fragte ob ich schon müde werde, was ich verneinte. Dann wurde es Nacht. An den Rest des Tages habe ich nur bruchstückhafte Erinnerung.

Der Eingriff durch die Nase dauerte wie geplant zwei Stunden und verlief ohne Komplikationen. Anschließend wurde ich in den Aufwachraum ge- bracht, wo ich dann vor mich hin döste. Konkret erinnern kann ich mich erst wieder an den Freitagmorgen.
Ich schleppte mich mit dröhnendem Kopf ins Bad und stellte entsetzt fest das zwei rissige Tampons in meiner Nase steckten, deren Bänder zum Rausziehen, sehr dekorativ auf meinem Nasenrücken klebten.

Bei der ersten Visite am Karfreitag gab sich Chefarzt Dr. Adolf Müller mit dem Verlauf der Operation sehr zufrieden. "Der Druck im Kopf ist eine Nachwirkung des Eingriffes." sagte der Neurochirurg. "Er wird mit der Schwellung im Gesicht in den nächsten Tagen verschwinden." Wenn die Wundheilung ebenso gut verläuft, könnte ich nach einer Woche wieder nach Hause.

Am Karsamstag wurden die Tampons aus meiner Nase gezogen, was mir die Tränen in die Augen trieb. Die erwartete Sauerei blieb aus, bis auf gelegentliche Tropfen Wundsekret war die nasale Operationsnarbe dicht. Mit den Tampons verschwand auch ein großer Teil des Druckgefühls. Aber noch war, durch Schwellung und Verkrustung, an ein Atmen durch die Nase nicht zu denken, was mir wiederum seit der OP einen trockenen Hals, Mund- und Rachenraum bescherte.

Mit offenem Mund und so ziemlich dämlich aussehend, nahm ich tags darauf schon an der Ostermesse teil, die in der angeschlossenen Kapelle des katholisch geführten Krankenhauses stattfand. Wie geplant wurde ich am vergangenen Donnerstag, also eine Woche nach der OP, entlassen, mit dem nachdrücklichen Ratschlag mich die ersten Wochen erst wieder langsam zu belasten.

Im Moment genieße ich die wohltuende Frühlingssonne auf unserem Balkon, während ich diese Zeilen auf der Tastatur meines Laptops tippe. Kaum zu glauben, dass mir an Ostern ein eigroßer Gehirntumor entfernt wurde und ich gestern schon wieder mit Noah und Birgit im Tierpark war. Mein allergrößter Respekt vor Dr. Adolf Müller und seinem Team.

Die Frage dräng sich auf, ob ich das Wachstum des Tumors in meinem Schädel auch ohne den einschneidenden Unfall in Ägypten im Sommer 2002 bemerkt hätte. Eine sehr schwere Frage, denn es ist auch alles andere als leicht für mich, diesem Schicksalsschlag als glücklichen Zufall zu deuten.

 
Nach dem Unfall im Roten Meer wurde mit MRT-Aufnahmen auch der Tumor in meinem Schädel entdeckt.
Der Tumor an der Schädelbasis lässt sich durch die Nase entfernen.
Dr. Adolf Müller, Chefarzt der Abteilung Neurochirurgie im Krankenhaus der „Barmherzigen Brüder“ in Regensburg.
Tumor (rot) Hypophyse (gelb) die horizontale Struktur darüber ist die Sehbahnkreuzung (1). Der OP-Zugang erfolgt durch Nase und Keilbeinhöhle (2).
Karfreitag, der ganz persönliche Leidensweg.
Schon wieder Zuhause, das schöne Wetter treibt mich auf den Balkon.