Halbseitenspastiker

Der halbseitig gelähmte Schüler Benjamin (16) verliebt sich im Internat in die umschwärmte Klassenkameradin Malen.

Als sein bester Freund Janosch auch Interesse an Malen zeigt kommt es zum Streit. „Crazy“, die gleichnamige Verfilmung des autobiografischen Taschenbuchbestsellers von Benjamin Lebert, wurde auch zu einem Erfolg an der Kinokasse.

Ich sah den Film das erste Mal in einem Lichtspielhaus am Attersee in Österreich, während der Trainingvorbereitungen zum Weltrekordversuch im „Constant Weigth“. Damals im Kino verband mich wenig mit meinem Namensvetter. Er war behindert und hatte nur wenig Selbstvertrauen. Ich war Extremsportler und drauf und dran meinen 3. Weltrekord einzufahren.

Der Film hat mich interessiert, weil ich den jungen Buchautor Benjamin Lebert und den Schauspieler Robert Stadlober der die Rolle des Benjamin im Film übernahm, bei einem gemeinsamen Auftritt in der Live-Sendung „Stern TV“ flüchtig kennen lernte. Der Film ist sehr amüsant und tragisch zugleich, denn vor allem die Nöte und Ängste eines Heranwachsenden werden sehr treffend dargestellt.

Als Janosch im Streit Benjamin als Halbseitenspastiker bezeichnet, der wie er meint nur Mitleid bei Malen erzeugt, kommt es zum Bruch. Ich muss ganz ehrlich zugeben, damals vor 4 Jahren wusste ich nicht was ein Spastiker ist. Für mich war Benjamin einfach nur behindert, er zog sein Bein nach und konnte seinen linken Arm nur eingeschränkt benut-zen.

Heute, Ironie des Schicksals, weiß ich bedeutend mehr. Grund genug das Thema Spasmus einmal ausführlicher aufzugreifen.

Was ist im Lexikon unter Spasmus zu finden? Spasmus: „(grch.) der Krampf – Starrezustand der Muskeln nach Erkrankung einer zu den Muskeln gehender Nervenbahn im Rückenmark“.

Meine Nervenbahnen sind intakt, nur leider wurde die Quelle der Signale im Gehirn bei meinem Schlaganfall erheblich beschädigt. Der Effekt ist derselbe. Die Muskeln bleiben funktionslos weil kein Befehl aus dem Gehirn ankommt. Nun zum Glück ist dieser Schaden beim mir nicht irreparabel, wie ich schon mit vielen Berichten auf dieser Web-Site doku- mentieren konnte.

Ich kann fast alle Muskeln wieder mehr oder weniger bewegen. In vielen Fällen gelingt das aber nur in Verbindung mit einer Massenbewegung. Der rechten Arm läßt sich aktiv in der vertikalen beugen und strecken, aber wenn ich den Arm in die Horizontale hebe, beugt er sich ohne mein Zutun und läst sich in dieser Position auch noch nicht strecken.

Der Impuls an die Muskeln, der eigentlich das Armheben einleiten soll, erreicht fälschlicher Weise auch den Bizeps der wiederum den Arm beugt. Wenn ich dann mit links die Haltearbeit unterstütze und sich die Muskulatur der Schulter entspannen kann, geht das Strecken des rechten Armes auch in der Horizontalen ganz einfach.

Es ist also die Muskelspannung ( Tonus ) die manche Funktionen stört. Diesen Tonus zu koordinieren ist die Aufgabe bei der künftigen Therapie. Bei einem komplett durchtrennten Nerv, wie es bei einem Querschnitt der Fall ist gibt es keine Muskelspannung mehr und deshalb auch keine Funktion.

Natürliche Bewegungen werden erst möglich, wenn die verschiedenen Muskeln harmonisch zusammenspielen. Wenn z.B. zwei Holzarbeiter versuchen mit einer Langsäge einen Baum zu fällen bringt es nichts, wenn beide zur selben Zeit an der Säge ziehen. Das muss im Wechsel, also koordiniert passieren.

Die Beugemuskeln sind in der Regel stärker ausgeprägt, was bei einer Nervenschädigung zum sog. Muster führen kann. Wenn der für Bewegung nötige Tonus entsteht beugt sich z.B. der Arm, da der Bizeps stärker ist als der Trizeps der für das Strecken zuständig wäre. Auch fällt es meist leichter die Finger zur Faust zu ballen als sie wieder auszustrecken.

Übermäßige Muskelspannung kann für manche Patienten zur wahren Qual werden. Ich habe so manchen Fall gesehen, wo es Patienten nicht mehr möglich war den völlig nach innen gebeugten Arm, das nach innen gebeugte Handgelenk und die zur Faust geballten Finger in die Streckung zu bringen. Entspannung spielt da eine wichtige Rolle. Bei besonders schweren Fällen werden auch Medikamente eingesetzt, um bestimmte Muskelgruppen bewusst zu lähmen.

Spasmus, oder überhöhter Muskeltonus, sind aber bei mir nicht immer gleich. Stress, Angst, emotionale Aufregung, Dunkelheit oder Kälte ver-stärken die Spastiken. Was ich also vor dem Unfall mehr oder weniger gut überspielen konnte, wirkt sich jetzt gnadenlos negativ auf meine motorischen Möglichkeiten aus.

Bei meinen ersten Spastik-Attacken war ich vor Wut den Tränen nahe. Heute kenne ich die Mechanismen und kann sie mit einigen Tricks abschwächen. Den anfangs erwähnten Film „Crazy“ kann ich übrigens sehr empfehlen.

Herzlichst,
der Halbseitenspastiker

 
"Crazy", eine gleichnamige Taschenbuchverfilmung, die Nöte und Ängste eines Halbseitenspastikers während der Puppertet zeigen.
CT Bild von meinem Schädel nach dem Schlaganfall. Teile des Betriebssystems sind beschädigt.
Spastik beim Laufen. Während der linke Arm locker und dicht am Körper mitschwingt, wird der rechte Arm durch die gestiegene Muskelspannung ins sog. Muster gezogen. Er steht unnatürlich ab und diese verkrampfte Haltung verursacht gelegentlich Schmerzen in der Schulter.
Bei schwierigen Balancierübungen streckt sich gelegentlich der Zeigefinger.
Da hatte ich noch gut Lachen. Als ich dann aufstehen und zum Zelt laufen wollte löste Dunkelheit und Kälte eine schwere Spastik-Attacke aus.